Drogen – ein Einstieg zum Ausstieg

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Das Thema Drogen hat viele Aspekte, aber ich möchte eine Sache hervorheben: Wer Drogen nimmt, sagt damit, dass er mit seinem gewöhnlichen, drogenfreien Erleben nicht zufrieden ist. Drogen sind der schnelle und nicht nachhaltige Weg zu scheinbarem Glück. Zu lernen, das Leben zu leben, alles auszuhalten und sogar zu genießen, wie es kommt und wie es ist – und darin mit der Zeit immer besser zu werden – ist schwierig, erscheint unattraktiv und dauert lange. Psychotherapeuten sollten auf diesem Weg Lehrer, Begleiter und gutes Beispiel sein.

Streng genommen hat alles eine Wirkung, was man sich in den Mund steckt und was in den Blutkreislauf gelangt. Mein Lieblingsbeispiel sind Möhrchen. Niemand würde Möhrchen als Drogen bezeichnen, aber sie haben natürlich eine Wirkung. Der japanische Koch weiß, dass sie anders wirken, wenn man sie längs schneidet als wenn man sie quer oder schräg schneidet, und er entscheidet nach Bedarf, ob er sie kocht, brät, paniert oder roh serviert. Jede Zubereitungsart hat eine andere Wirkung, wenn man sensibel dafür ist. Das erzähle ich, um Aufmerksamkeit auf den Umstand zu lenken, dass Menschen ein hochkomplexes und hochsensibles körpereigenes Drogensystem haben, mit dem wir Gesundheit und Wohlbefinden erzeugen können. Die Macht dieses Systems sprengt jede Vorstellung.

Für Körper und Psyche haben wir seit einigen Jahrhunderten zwei Wörter, die fälschlicherweise suggerieren, es handele sich um zwei getrennte Dinge. Unsere Erfahrung korrigiert diesen Irrtum jedoch ständig. Gedanken und Gefühle sowie alle unsere Gemütszustände wirken auf den Körper, und umgekehrt wirkt der Körper auf die Psyche. Wir können also von beiden Seiten kommen, wenn wir das Ganze beeinflussen wollen.

Die meisten Menschen haben ihre Psyche nicht im Griff und das hat zwei Gründe. Wir haben dafür keine echte kulturelle Tradition oder Schulung, und was noch wichtiger ist: Es ist schwierig und dauert lange bis man es kann. Die Wenigsten werden mit Geduld und Heldenmut geboren. Menschen sind auf den Weg des geringsten Widerstandes ausgerichtet und in jungen Jahren fehlt das Wissen und die Erfahrung, um schwierige oder schmerzhafte Erlebnisse zu bewältigen. Im Kindesalter kommt hinzu, dass man nicht könnte, selbst wenn man wollte. Langeweile oder Neugierde und die vielzitierten „falschen Freunde“ sind Tarnbegriffe für tieferliegende Problemlagen. Deshalb sind Drogen, oft auch sehr starke, in Form von Alkohol, Rauchwaren, Medikamenten und was es alles an legalen und illegalen Stoffen gibt, eine willkommene Abkürzung – der ersehnte Weg heraus. Es dauert nicht Monate oder Jahre bis der Stoff ins Blut gelangt und die gewünschte Wirkung eintritt. Der Schmerz verschwindet sofort, die Muskeln entspannen sich, Ruhe, Glücksgefühle, Taubheit, psychedelische Erfahrungen oder was auch immer man suchte, stellen sich sofort ein. Man braucht nichts weiter zu tun, oder zu können als den Stoff herunterzuschlucken. Das kann jedes Kind. Von diesem Moment an werden die eigenen Möglichkeiten dann stetig weniger und nicht mehr.

Wer als Drogenkonsument zu mir in die Praxis kommt, erfährt erst einmal theoretisch vom körpereigenen Drogensystem. Dieses erstreckt sich über ein komplexes Gefüge aus Hormonen und Botenstoffen, die uns höchstes Glück und größte Schmerzen spüren lassen können. Diese Fähigkeiten sind an sich so wunderbar, dass ich mich frage, warum wir keine Kultur haben, die sich auf die perfekte Entwicklung und Bedienung dieser Fähigkeiten ausgerichtet hat. Nicht nur entwickeln wir ureigene, magische, menschliche Fähigkeiten nicht, sondern zerstören sie und lassen sie verkommen; die Herstellung und der Konsum von Drogen, Alkohol und Medikamenten hingegen steigt und steigt und wird immer weiter normalisiert.

Irgendwann, nach einer Jugend als Raucherin, Trinkerin und Konsumentin von allem, was damals herumgereicht wurde, bemerkte ich den Fehler. In den Biopsychologievorlesungen erfuhren wir als Studenten, was der Körper alles macht und kann und wie sensibel das System ist. Es reagiert in Sekundenbruchteilen auf Sinnesreize, auf Gerüche, Licht, Musik, Berührungen, andere Menschen, Lärm, kurz auf alles, was geschieht. Hinzu kommt eine Erfahrung, die jeder machen kann: Unser Geist ist ein mächtiges Mittel. Denken wir an Angenehmes, hellt sich die Stimmung auf, denken wir uns in die Gruft, sinkt sie ab.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass der Konsum von zahlreichen Stoffen für viele Menschen so selbstverständlich und als normal angesehen wird, dass es schon eine Seltenheit ist, jemanden zu treffen, der vollkommen drogenfrei lebt, oder sich nur auf eine Droge beschränkt. Den täglichen Konsum von Alkohol als Durstlöscher, Rauch zwischendurch, Aufputschmittel am Freitag Abend, etwas Ekstase am Samstag, Schlafmittel am Sonntag, Wachmacher am Montag und Schmerztabletten bei Bedarf, kann man als selbstverständlich betrachten. Normal heißt schließlich nur, dass die Mehrheit es tut. Abwasserproben lassen den Schluss zu, dass sehr viele Menschen ihr Leben eher mit Drogen bewältigen als ohne.

Die Krux ist nur, je mehr wir uns angewöhnen, unsere Lage durch von außen zugeführte Stoffe zu steuern, desto mehr stören wir die körpereigenen Fähigkeiten zur Selbstregulation. Drogen wirken schnell, aber nicht nachhaltig. Was wir mit Begriffen wie Gewöhnung oder Abhängigkeit beschreiben, bedarf eines genaueren Blicks. Medikamente, Alkohol und illegale Drogen wirken sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, dass wir Wirkstoffe in Dosis und Konzentration ins Blut bringen können, die wir so in Eigenproduktion nicht in dem Moment herstellen könnten. Das körpereigene System an Hormonen und Botenstoffen wird massiv beeinflusst; in vielen Fällen behandelt der Körper eilig die Erscheinungen, die er naturgemäß oft als Vergiftung ansieht. Unsere Sicht auf die Welt ist durch die Droge verändert und bedingt.

Jede Droge, jedes Mittel, setzt uns eine Brille auf, einen Filter, durch den wir die Welt anders wahrnehmen als ohne. Wenn ich Klienten zuhöre, bekomme ich Einblick und Verständnis, warum jemand nimmt, was er nimmt. Es gibt immer einen guten Grund. Die Geschichten und Konstellationen sind so zahlreich, wie es Menschen gibt – eines ist jedoch immer gemeinsam: Bevor man zu irgendeinem Mittel greift, ist man erstens nicht zufrieden mit dem, was da ist und traut sich zweitens nicht zu, die Situation anders bewältigen, ändern oder gestalten zu können. Es fehlt das Wissen, um die eigenen Fähigkeiten und erst recht die Kraft und die Geduld. Was obendrein fehlt, ist das Bewusstsein um das Ausmaß des tatsächlichen, langfristigen Schadens. Was heißt denn Abhängigkeit? Man ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, und das für sehr lange Zeit.

Der Schaden wird meist erst wahrgenommen, wenn er im Körper weit fortgeschritten ist. Dann sind die körperlichen Entzugserscheinungen oft grausam. Aus Sicht der Psychologin sind sie dennoch der leichtere Part. Während der körperliche Entzug Wochen dauert, braucht die Psyche Jahre, um sich wieder zuverlässig selbst zu regulieren, so dass man Glück selbst erzeugen kann. Manchmal ist der Schaden auch irreparabel.

Jeder Stoff verzerrt unsere Sicht auf die Welt, sonst würden wir ihn ja nicht nehmen. Ich sage nicht, dass man vollkommen drogenfrei leben muss, aber man sollte sich fragen, in welchem Ausmaß, man das Heft aus der Hand geben will. Drogen heilen und helfen nie nachhaltig, sondern befördern uns, und das auch nur für die Dauer der Wirkung, in einen mehr oder weniger angenehmeren Zustand. Der Grund, warum wir sie nehmen, löst sich durch sie nicht auf. Die Fähigkeit zu Selbstregulation wird hingegen so stark gestört, dass das eigene System kollabiert – und es einem mit der Zeit immer schlechter geht als ursprünglich. Das ist Abhängigkeit.

Manchmal helfen uns Drogen für eine bestimmte Zeit, in einer akuten Phase, etwas zu ertragen, was wir nicht gut ertragen können. Es ist sicher gut, dass es Schmerzmittel gibt. Sobald sich jedoch ein Fenster auftut, in dem wir berechtigte Hoffnung schöpfen können,  uns selbst regulieren zu lernen, sollten wir das tun. Dem menschlichen Geist wohnt die Fähigkeit und die Liebe zur Un-Abhängigkeit, das heißt zu echter Freiheit inne, und Drogen können kurzfristig alles Mögliche, aber auf Dauer machen sie abhängig und eben nicht frei.

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