Unsere eigenen Projektionen trüben unsere Sicht

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© Maria Gouveli – www.mariagouveli.com

Lesedauer 4 Minuten

Von Sokrates stammt der Ausspruch „Ich weiß, das ich nichts weiß.“ Nicht umsonst hat diese wichtige Erkenntnis es über 2500 Jahre hinweg bis zu uns heute geschafft. Die meiste Zeit haben wir keine Ahnung, was tatsächlich geschieht, so dass wir eigentlich durch die Welt laufen müssten, wie der Fuchs übers Eis. Das tun wir aber nicht. Wir nehmen stattdessen wenige Indizien zum Anlass, und reimen uns den Rest zusammen. Dann treten wir sicher auf – auf dem dünnen Eis – und sind hinterher ent-täuscht, wenn wir einbrechen und reinfallen.

Wenn der Mensch vor 40 000 Jahren ein Gebüsch sah, an dessen einen Seite ein Tigerschwanz hervorlugte, schloss er besser, dass der Rest des Tigers am Schwanz dran ist, obwohl er ihn nicht sieht. Jene, die den Tigerschwanz sahen und dachten: „Ach, nur ein Tigerschwanz.“ zeugten nach dieser Begegnung keine Nachkommen mehr. Deshalb ist die Fähigkeit aus wenigen Informationen auf das Gesamtbild zu schließen, unter Menschen sehr verbreitet. Der Wunsch, zu überleben, war und ist eine starke menschliche Motivation.

Die fehlenden Informationen werden blitzschnell aus unserem Gedächtnisspeicher abgerufen. Darin ist echtes Wissen genauso enthalten wie beiläufig Aufgeschnapptes, vor allem aber sind dort unsere Gefühle, unsere emotionalen Erfahrungen und alle unsere Traumen enthalten. Diese bringen fortwährend neues Hoffen und Fürchten hervor und wirken wie eine Brille, durch die wir versuchen aus den Sinnesreizen sinnvolle Ereignisse zusammenzufügen. Wenn jemand wenig wirklich weiß, aber viele starke Gefühle hat, wird die Reaktion stark ausfallen, aber nicht wirklich zur Situation passen. Wenn jemand sehr feste Überzeugungen hat, wie etwas zu sein hat, werden die Erwartungen, die Wahrnehmung verzerren. Nur wenn man Wissen hat, das faktisch richtig ist, aber keine eigene Motivation  (=Bewegung), kann man das Bild richtig ergänzen. Je stärker die eigene Motivation ist, desto ungenauer ist die Sicht, und desto unpassender erfolgt die Reaktion auf die gegebenen Umstände.

Wir projizieren unser Inneres auf jede beliebige Leinwand

Menschen, mit denen wir zu tun haben, sind uns in unterschiedlichen Graden bekannt. Über unsere Familienmitglieder, unsere Lebensgefährten, wissen wir mehr als über Freunde und Bekannte. Je mehr wir wirklich wissen, desto richtiger ergänzen wir das Bild in einer Situation, die nicht viele Informationen enthält. Wenn man bedenkt, wie schwer es ist, innerhalb der Familie Streit zu vermeiden, weil unsere Annahmen über andere nicht stimmen, wie schwer ist das erst bei Fremden? Unter Fremden verdoppeln sich die Projektionen, denn der andere kennt mich ja genauso wenig, wie ich ihn. Die Lage verschlimmert sich dramatisch, wenn das Wohlwollen fehlt. 

Irgendjemand im Internet hat „etwas Falsches“ gesagt!

Der Umgang mit dem Internet ist für den Menschen evolutionsgeschichtlich neu. Das Internet konnte unsere Art zu kommunizieren noch nicht wirklich tief beeinflussen. Per E-Mail, auf Facebook und Twitter, und in unzähligen Foren, tauschen sich täglich Menschen mit Fremden aus, dazu noch über kontroverse Themen. Sie sehen jeweils nicht mehr voneinander, als ein paar geschriebene Worte. Die allerwenigsten sind gute Schriftsteller, im Gegenteil, man ist geneigt, jemanden schon allein für seine Rechtschreibung spontan lieben oder hassen zu wollen. Die Medienpsychologie nennt geschriebenen Austausch Kommunikation über ein armes Medium. Arm deshalb, weil man kein Bild und keinen Ton oder andere Kanäle nutzen kann. Wenn man jemanden persönlich trifft und sich unterhalten kann, hat man die volle Bandbreite: den Klang, das Bild, den Geruch, die Bewegung und überhaupt alles, was in dieser Situation erfahrbar ist. 

Mit unserem individuellen Mix aus Erfahrungen, Hoffnungen, Befürchtungen und fixen Ideen scannen wir nun das Internet nach bekannten „Ringen“, in die wir unsere Gedächtnisinhalte wie „Haken“ einhängen können. Eine Standardsituation ist: Person A macht sich nicht einmal die Mühe, die Worte von Person B präzise zu lesen. Sie „antwortet“ komplett am Thema vorbei und die Antwort besteht aus freier Assoziation auf ein einziges erkanntes Stichwort hin.

Nicht das, was du nicht weißt, wird dir Ärger einbringen, sondern das, was du ganz sicher weißt, das aber gar nicht so ist.  – Mark Twain

Aus wenigen schwarzen Strichen, schustern wir blitzschnell ein Bild von einer ganzen Person und deren Motivation. Man registriert gerade so, dass da überhaupt jemand ist, der sich mit einem abgibt. Der andere ist wie eine leere Leinwand, keine echte Person, sondern die perfekte Projektionsfläche.

Die tieferliegende Ursache für Projektionen ist unsere permanente Selbstbezogenheit

Aufgrund meiner andauernden Beschäftigung mit mir selbst, weiß ich immer, was ich wünsche und was ich nicht will. Die Augen erfahren nur Lichtwellen, das Gehirn erledigt den ganzen Rest. Mit meinem steten Hoffen und Fürchten zerre ich die Interpretation in die gewünschte Richtung. Das ist so normal, dass wir es nicht einmal bemerken.

Was jemand schreibt oder sagt, wird ausschließlich danach beurteilt, was man selbst hören will, und kein bisschen danach, was der andere sagen will. Für gewöhnlich hat jeder den Kopf rappelvoll mit dem eigenen Leben, den eigenen Sorgen und seiner eigenen Agenda. Wir wissen von den meisten Menschen nichts oder nur wenig und es ist uns auch herzlich egal. 

Ein Beispiel für Projektionen motiviert von Wünschen:
Ich bin eine Frau und wünsche mir einen Partner. Meine Sehnsucht lässt mich in jedem Mann, der auf seinem Facebook-Profil ein nettes Profilfoto zeigt, einen potentiellen Traummann sehen. Jedes höfliche Wort, nehme ich als Einladung zum Flirt. Die Information, dass eine Person ein Mann ist, genügt.

Ein Beispiel für Projektionen motiviert von Widerwillen:
Ich bin eine Frau und habe schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht. Ich weiß sicher, Männer sind furchtbar. Jeder Mann, der mich nur anredet, bekommt meinen gesammelten Frust ab. Die Information, dass eine Person ein Mann ist, genügt.

Wir lernen nur allmählich mit dem neuen, armen Medium umzugehen. Chats, Mails und SMS sind regelmäßig Ursache für Streit und Ent-Täuschungen. Es ist kein angenehmes Gefühl enttäuscht zu werden, aber es ist gut, sich nicht weiter zu täuschen. Natürliche Kommunikation im echten Leben bietet schon viel Raum für Projektionen, die Kommunikation nur per Schrift noch viel mehr. Gute Beziehungen zu pflegen, war schon vor dem Internet schwierig, jetzt braucht es noch mehr. Aber wovon? Die Antwort lautet: Weniger ich will und ich will nicht, schlichtweg weniger Ich Ich Ich … die ganze Zeit.

Starkes Wollen oder Nichtwollen sowie feste Ideengebäude verzerren und trüben unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung und damit echtes Verständnis von einer Situation. Deshalb ist es eine wichtige Übung ab und an ohne jedes eigene Wollen und Ziehen und Wegschieben, einfach für ein paar Momente zu verweilen, in dem was ist. Das übt man am besten am schönen See oder auf dem Berggipfel, oder beim Spaziergang – eben dort, wo es leicht geht. Denn, wenn man es niemals übt, weiß man nicht wie es geht. Nur Menschen, die in der Lage sind, sich auf diese Weise selbst zu vergessen, können in Augenblicken frei von eigenen Projektionen wirklich erfahren, was da ist. Im Ergebnis werden unsere Reaktionen auf die Welt angemessener, unsere Mitmenschen werden es uns danken und unsere Beziehungen werden davon profitieren. Es lohnt sich!

 

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