Über die Identifikation mit Gedanken und Gefühlen

Maria Gouveli - visual art
©Maria Gouveli · www.mariagouveli.com

Lesedauer 4 Minuten

 

Die Meinungen der Menschen zu den Themen unserer Zeit sind so unterschiedlich, dass es oft unmöglich erscheint, die Verbindung zu halten. Die Folgen sind ganz praktisch erfahrbar: Offener Streit oder eisige Stimmung in der Familie oder unter Freunden und Bekannten.

Was geschieht da?

Wir lesen etwas, hören Nachrichten oder erinnern uns und formen daraus unser Bild von der Welt. Je länger wir eine Meinung mit uns herumschleppen – und dabei ist völlig unerheblich ob sie einst per Zufall oder mit Bedacht zu uns kam – desto lieber wird sie uns. Sie wird ein Teil von uns. Wir erleben Gefühle und sagen „ich bin wütend“, oder „ich bin glücklich“. Keine Überzeugung kommt zudem ohne affektive Note aus. Jeder Gedanke, so neutral er daherzukommen scheint, hat den Geschmack von ‚mögen‘ oder ’nicht mögen‘, mal stärker mal schwächer. Gefühle sind mit Ideen verwoben und verleihen ihnen Gewicht. Was uns gleichgültig ist, nehmen wir gar nicht wahr. So erfahren wir „unsere Meinung“ als einen Teil von uns selbst. Wir sagen dann: „Ich bin der Meinung …“. Wir werden eins mit unseren Gefühlen und Überzeugungen. Für gewöhnlich erleben wir keine von Gedanken und Gefühlen getrennte Existenz. Da wir leider fast immer irgendetwas denken oder fühlen (außer im Schlaf, da träumen wir oder sind bewusstlos) ergibt sich für uns folgerichtig die Wahrnehmung, wie seien unsere Gedanken und Gefühle. Soweit, so falsch.

Das Problem

Die Inhalte sind austauschbar. Unser Set aus Überzeugungen kann ein uralter religiöser Katechismus sein, ein politischer -ismus, der vorläufig letzte Schrei der Wissenschaft oder etwas völlig Belangloses. Es spielt keine Rolle was es ist, entscheidend ist, ob wir uns damit identifizieren, d.h. ob wir glauben unsere Gedanken und Gefühle zu sein. Dann fühlen wir uns sofort angegriffen, sobald jemand diese Ideen kritisiert. Wenn wir glauben, wir hätten keine Existenz jenseits unserer Gefühle, Gedanken und Überzeugungen, werden wir als Person zur Zielscheibe.

Wir alle haben schon Menschen erlebt, die sich mit aller Kraft verteidigten, wenn es um Themen wie Religion, Weltgeschehen oder persönliche Wahrheiten ging. Sie zeigten exakt dieselben Reaktionen, die Menschen natürlicherweise zeigen, wenn es um ihre körperliche Unversehrtheit geht: Kampf oder Flucht. Der Verstand setzt aus, ein ruhiger Austausch von Für und Wider wird unmöglich, denn es geht um Alles oder Nichts. Wenn dann noch die heftige emotionale Reaktion verspottet wird, mit der man sich überdies noch identifiziert, fliegt dem Angegriffenen die letzte Sicherung heraus. Die Folge sind zerbrochene Beziehungen oder sogar gebrochene Nasen. Dabei stand doch nur eine Idee auf dem Spiel und eben nicht das nackte Überleben.

Die Vehemenz mit der jemand seine Überzeugungen verteidigt, sagt übrigens nichts über die Richtigkeit dieser Überzeugungen aus. Galileo Galilei lag nicht falsch, nur weil die Kirche ihn verurteilt hat. Die Kirche kämpfte um ihre Macht und wollte ihn tot sehen. (Sie haben sich dann mit lebenslangem Hausarrest begnügt.) Galilei behielt Recht. Die Erde setzte ihren Lauf um die Sonne ungerührt fort. Umgekehrt hatten sie gedacht, sie könnten mit ihm, die Idee vernichten, aber das war unmöglich, denn er hatte ja nur gesagt, wie es ist. Die Idee existierte unabhängig von ihm.

Starke emotionale oder körperliche Reaktionen bis hin zur Gewalt, zeigen nur, dass Menschen sich vollständig mit ihren Gedanken und Gefühlen identifizieren und sich nicht als von ihnen getrennt existent erleben können. Sie verhalten sich, als würden sie gemeinsam mit der Idee ausgelöscht werden und wollen den Widersacher besiegen.

Schlichte Abhilfe 

Eine einfache Beobachtung reicht aus, um diese sehr gewöhnliche Reaktion aus der Welt zu schaffen: Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Ständig. Kein Gefühl und keine Idee bleibt die ganze Zeit in unserem Geist. Wir sind noch nicht einmal in der Lage zu kontrollieren, welche Gedanken und Gefühle wir denken und fühlen. Im Gegenteil, wir sind ihnen vollständig ausgeliefert. Unser Leben hat mehr die Qualität eines Films, den wir erleben, ohne zu wissen, welche Szene im nächsten Moment kommt. Manches ruft Erinnerungen wach. Wenn das geschieht, rauscht das Geschehen zum hundertsten und tausendsten Mal ohne jede Kontrolle gewohnte Bahnen entlang. Manchmal zieht sich ein aufregendes Liebesdrama, das man durchaus für die Dauer von 90 Minuten genießen würde, über fünf Jahre, und wir können gar nichts dagegen tun.

Gedanken und Gefühle kommen und gehen und wir sind nicht Herr der Lage. Wären wir unsere Gedanken und Gefühle, würden wir mit ihnen verschwinden. Das geschieht aber nicht.

Wir sind nicht unsere Gedanken und Gefühle.

Wir sind das, was die Fähigkeit hat, Gedanken und Gefühle zu erleben.

Konkret bedeutet das: In Auseinandersetzungen – ich spreche hier von Ideen nicht von Duellen – gibt es die Möglichkeit, diesen Umstand zu nutzen, um sich nicht als Zielscheibe zu erleben. Zudem kann man erkennen, wenn Andere sich angegriffen fühlen. Das ist der Moment, in dem es gefährlich wird und man davon ausgehen kann, dass jetzt der Kampf ums Überleben beginnt. Sie können das Verhalten anderer Menschen nicht regulieren, aber Sie können dafür sorgen, nicht selbst „in Lebensgefahr“ zu geraten, nur weil jemand Ihre Meinung zu einem Thema kritisiert. Ideen existieren unabhängig von uns. Wir können sie uns zu eigen machen, sie ändern und auch wieder verwerfen.

Eine kleine, feine Übung

Ich lade Sie daher ein, vorzusorgen. Setzen Sie sich ab und zu in Ruhe hin, oder üben Sie einfach, wenn Sie ohnehin schon irgendwo sitzen: Atmen Sie ein und aus, und nehmen Sie wahr, wie die Gedanken kommen und gehen. Wenn Sie einmal bewusst erfahren, dass Sie überleben, obwohl ein Gedanke einfach verschwunden ist, werden Sie nie mehr um Ihre Existenz kämpfen, wenn Ihre Überzeugung angegriffen wird. Das ist ein Fundament, auf das man bauen kann.

Die Frage nach Kampf oder Flucht stellt sich dann nicht mehr. Man kann andere Meinungen dann anhören, bedenken, und je nachdem, was einem klug erscheint, bei der eigenen Meinung bleiben, sie ergänzen oder ändern. Einfach so.

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen entspanntes, bereicherndes Zusammensein mit Anderen, bei dem es nicht um Leben oder Tod geht, sondern um den Austausch von Gedanken und Gefühlen, mit hoffentlich ebenso entspannten Gesprächspartnern. Denn nur wo sich vermeintlich Unvereinbares in Ruhe und mit Wohlwollen begegnen kann, kann auch Neues entstehen.

 

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