Eine Schatzkarte für den Winter

©Maria Gouveli · visual artist
© Maria Gouveli · www.mariagouveli.com


Lesedauer 5 Minuten

 

In Europa haben wir die vier Jahreszeiten und treffen daher jeden Winter auf alte Bekannte: Müdigkeit und Niedergeschlagenheit. Was passiert im Winter eigentlich innerlich, was uns dermaßen die Kraft raubt? Warum die Energie des Winters nicht einfach willkommen heißen und seine Schätze bergen? Der Rückzug, das Ruhen und die Wiederbegegnung mit alten Geschichten hat für uns Menschen einen tiefen Sinn: Wir werden weise.

In den Städten bemerken wir die Dunkelheit, und dass uns die Läden schon weit vor der Adventszeit mit Spekulatius attackieren. Nennenswerten Schneefall hatten wir in Berlin leider seit Jahren nicht, und so gleiten wir ohne Ansage in die Winterzeit. Die Arbeitszeiten bleiben gleich, die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit auch. Jedes Jahr pünktlich zur dunklen Zeit tauchen die ersten Antriebslosen und Depressiven auf, denen alte Geschichten erneut die Kraft rauben. Wer das Geistige verdrängen kann, spürt es eher im Köper. Größere Müdigkeit, ein höheres Schlafbedürfnis, keine Lust Menschen zu treffen, alles das kommt auf und man macht sich Vorwürfe, dass man nicht auf dem sommerlichem Aktivitätsniveau weiter funktioniert. Geschäftigkeit und erzwungene Aktivität quittiert der Körper mit Erschöpfungskrankheiten, Erkältungen, Rückenschmerzen, Verspannungen und dunklen Gemütslagen. War man in alter Zeit eine Königin, verzog man sich jetzt mit Sack und Pack auf „Schloss Meiruh“.

Nachdem der Herbst die Zeit der Ernte war und man im Oktober „die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“ sortiert hat, Früchte eingekocht hat, Nüsse und Getreide gewogen, und das Geld aus den gelungenen Geschäften gezählt hat, kommt jetzt das große NICHTS. Mit dem Wintereinbruch lassen die Pflanzen ihre Blätter fallen, der Saft zieht sich tief in die Erde zurück und hinterlässt die Oberfläche kahl und trist.

Was ist jetzt zu tun?

Die körperliche Schwere hält uns an Ort und Stelle, wenn die Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Sogar im Schlaf wird innerlich hart gearbeitet. Jetzt ist die Zeit, die Gedanken zu denken, anzunehmen und zu kontemplieren – und aus ihnen zu lernen. Im chinesischen Daoismus ist der Winter die Zeit, in der wir unsere Lebenserfahrungen aus dem Sommer mit denen aus vorigen Jahren verknüpfen. Wir gehen sogar noch weiter und beleben jetzt die Verbindung zu unseren Vorfahren. Nicht nur gedenken wir in Trauer unserer Ahnen und vermissen sie, sondern wir erinnern uns daran, wie sie lebendig waren.

Sich mit den Vorfahren verbinden

Die natürlichste Sache der Welt ist es jetzt, sich mit der Familie zu versammeln, die Ernte aufzuessen und dabei Geschichten von früher zu erzählen. An unserem wichtigsten Winterfest, dem Weihnachtsfest, treffen wir uns traditionell nicht mit Fremden, sondern mit unseren engsten Familienangehörigen. Nur sie stillen unser Bedürfnis nach Selbsterkenntnis und Eingebettetsein in größere Sinnzusammenhänge: In den Gesichtern von Eltern und Großeltern, Geschwistern, Tanten oder Cousins, sehen wir Teile von uns selbst. Ob einem alles gefällt, was man sieht, steht auf einem anderen Blatt.

Indem wir uns mit Angehörigen und alten Freunden treffen und einander Anekdoten erzählen, stärken wir angeborene und erworbene Qualitäten. Man lacht oder weint über die Erfahrungen des Sommers und weit vergangener Zeit und findet in diesen Geschichten des Lebens Sinn. Die besten Räuberpistolen werden wieder und wieder erzählt. „Dein Uropa war ein unglaublich starker Mann!“, erzählte mir mein Vater. „Er hat mit seinen bloßen Händen eine Weinpresse den Berg hinauf in den Kirchhof getragen, als der Pferdewagen direkt vor seinem Hof unter der schweren Last zusammengebrochen war!“ „Deine Großtante, dieses verrückte Weib, ist drei Mal dem Tod von der Schippe gesprungen bis sie endgültig starb. Drei Mal kam sie direkt vom Friedhof noch im Leichenhemd wieder nach Hause und lebte und lebte für Jahre einfach weiter!“ Und dann wurde jede einzelne Rückkehr aus der Totenhalle in allen Farben neu aufgelegt. Was sagt mir das? Das Blut eines Goliaths und einer Unsterblichen fließen durch meine Adern! Aber auch Skandale, Fehltritte und Dummheiten sammeln sich in jeder Familie an. Angenehmes und Unangenehmes ist beides wertvoll. Wir finden Ähnlichkeiten zwischen uns und unseren Angehörigen und können lernen, wie man es macht oder wie man es nicht macht. Ein sehr alter Freund der Familie erklärte mir in wenigen Worten, warum mein Cousin ist, wie er ist und nicht anders kann: „Er kommt ganz nach eurem Opa!“ Ich hatte das nie gesehen, den Opa kannte ich nur alt und krank, und mein Cousin war mit mir Kind gewesen. Erst in diesem Moment verbanden sich die Dinge zu größerem Sinn und ich verstand.

Wer von seinen Angehörigen weit weg ist oder aus anderen Gründen allein und von ihnen getrennt ist, hat dennoch Gelegenheit in Fotos und Geschichten zu kramen. Warum nicht eine Kerze vor dem Bild der wunderbaren Oma anzünden und eine Blume dazulegen? Oder einen guten Schluck darauf trinken, dass der alte Tyrann endlich nicht mehr ist? Man kann auch Abwesende würdigen, auf das innere Erleben kommt es jetzt an.

Einsamkeit aushalten und mit dem All eins sein

Alleinsein kann jetzt befriedigender sein, als Gespräche mit Menschen, die mit uns nichts zu tun haben. Man bleibt öfter allein mit sich selbst und allem, was im eigenen Geist hochkommt. Das ist nicht immer einfach auszuhalten. Wenn die jüngsten Erinnerungen sich legen, kommen „die ganz alten Geschichten“ wieder vor. Jeder Versuch ihnen zu entfliehen, macht sie nur aufdringlicher. Alles, worin noch nicht abgeschöpfte Weisheit steckt, will noch einmal gehört und gesehen werden. Es braucht Mut, sich dem zu stellen und es einfach auszuhalten; manches ist peinlich oder traurig. Indem wir nicht weglaufen und uns nicht mit oberflächlichen Zerstreuungen ablenken, sondern alles anschauen, machen wir eine wichtige Erfahrung: Alles geht vorbei. Im echten Leben, sowie auch im Wiedererleben. Und wenn am Ende die Frage beantwortet werden kann „Wofür war das gut?“, sind wir angekommen. Erst dann macht noch der größte Schmerz einen Sinn.

Die dunklen, einsamen Stunden sind die Zeit zum Nachdenken und Betrachten und Einsickern lassen. Wer sie erwartet, macht es sich gemütlich, tunkt Butterkekse in heiße Schokolade, döst in der Dämmerung vor sich hin, guckt in die Luft und gönnt sich die Ruhe und den Schlaf. So wie über der Erde nichts zu sehen ist, spielt sich jetzt in uns alles im Verborgenen ab. Äußerlich betrachtet geschieht nichts. Auf der inneren Ebene sammeln wir Schätze an.

Schlafen und gut essen

Anstatt sich über Müdigkeit und den Wunsch nach Zurückgezogenheit zu beklagen, schlafen Sie jetzt einfach mehr und essen Sie gut! Jetzt ist Gelegenheit, um sich mit der Familie oder guten Freunden bei Kerzenschein und alten Geschichten den Bauch vollzuschlagen. Kritisieren Sie sich nicht für Ihre Untätigkeit, sondern akzeptieren Sie diesen Teil des Jahres als wichtigen Bestandteil des Kreislaufs. Unverzichtbare Zutaten hierbei sind Kekse, Schokolade, Zimtsterne, der Weihnachtsbraten, die Vorspeise, der erste Gang, der zweite Gang, usw. und nicht zu vergessen: der Nachtisch!

Weise werden

Nach dem daoistischen Verständnis wird der Winter als die Zeit verstanden, in der man Weisheit ansammelt. Der Winter entspricht dem Element Wasser. Das Wasser, das in seinem Lauf von der Quelle über die Erde vieles aufgenommen hat, versickert in der Erde. Während es versickert, lagern sich alle Stoffe wieder in der Erde ab. Mineralien verdichten sich zu wertvollen Erzadern; Gold, Silber, Kupfer und alles Wertvolle sammelt sich so an. Dies ist das Sinnbild für unsere inneren Prozesse. Wir verinnerlichen die edlen Essenzen aus dem Angesammelten und weben sie in unser ganzes Wesen ein, so dass sie uns wie Goldadern durchziehen. Jetzt entsteht das, was wir später Intuition oder Weisheit nennen werden. Es ist der Grund dafür, dass ältere Menschen, die viel erlebt haben, wie aus der Pistole geschossen wissen, wie sie zu einer Sache stehen.

In der Summe führen diese unschätzbaren Prozesse des Winters dazu, dass man im nächsten Jahr die Richtung kennt, die man im Leben einschlagen will. Man hat aus Erfahrungen gelernt, sich selbst erkannt und versteht wo es lang geht. Im Frühling kann man diese Weisheit dann in konkrete Vorhaben übersetzen. Wer dieses Fundament nicht gelegt hat, wird weder Kraft haben noch wissen wohin mit sich.

Der Countdown läuft

Der Winter ist übrigens genauso kurz oder lang wie jede andere Jahreszeit. Schon Anfang Februar ändert sich die Energie wieder. November, Dezember und Januar bilden die Zeit, in der man Weisheit und Kraft mit dem Rückenwind aus der Natur ansammeln kann. Nur wer sich wirklich die Zeit für das genommen hat, was jetzt dran ist, wird im Frühling einen neuen sinnvollen neuen Start machen können. Wer sich sinnlos verausgabt, geht müde und leer in den Frühling. Bei jeder körperlichen Aktivität ist jetzt weniger mehr. Wer verstanden hat, dass das Nichtstun Zeit braucht, wird bemerken, wie es im Verhältnis zur Weisheit steht, die man später brauchen wird. Bergen Sie den Schatz des Winters! Diese Zeit des Ruhens ist kostbar und knapp.

 

 

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Mein herzliches Dankeschön geht an Peter Fischer, einem Kenner des Daoismus und Bazi Suanming Berater aus Berlin, für die anregenden Gespräche zum Thema Jahreszeiten im Dao.

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