Sommerzeit – von Begeisterung getragen

Maria Gouveli - visual art
©Maria Gouveli · www.mariagouveli.com

Lesedauer 4 Minuten

Am 5. Mai hat nach dem chinesischen Sonnenkalender der Sommer angefangen. In der äußeren Welt wächst und blüht jetzt alles und bis zum Ende des Sommers werden die Früchte zur Reife kommen. Die Wärme der Sonne wird die Süße in ihnen hervorbringen. Wenn der Höhepunkt erreicht ist, kommt das Abschneiden und Ernten der Früchte im Herbst. In diesem Beitrag möchte ich nur einen Aspekt dieser Phase im Zyklus der Jahreszeiten hervorheben, der für uns Menschen bedeutsam ist.

Dem Sommer ist das Element Feuer zugeordnet. Die körperliche Entsprechung ist das Herz. Diese Jahreszeit steht für die Öffnung des Herzens, damit genußvoller Austausch stattfinden kann. In der Natur regen wunderschöne Blüten und Früchte unsere Sinne an und verwöhnen uns mit Fülle, Genuss und wertvollen, schönen Eindrücken. Das erleichtert, dass wir uns für alles Schöne öffnen.

In der daoistischen Tradition ist das Herz der Sitz unseres Bewusstseins, also des Wertvollsten, was wir haben. Im Herzen spüren wir, was uns wertvoll ist. Es ist der Ort, an dem Werte gebildet und behütet werden. Das Herz dient als Kompass, um das Gute, Schöne und Wahre von alledem zu unterscheiden, was das Gegenteil davon ist. So wie der Sommer die Öffnung des Herzens begünstigt, indem die Welt mit wunderschönen Verlockungen einlädt, so sind wir andererseits auch darauf angewiesen, dass die Schutzfunktionen des Herzens intakt sind.

Ohne klares Bewusstsein für die eigenen Werte kann das Herz sich nicht gegenüber falschen Verlockungen und unwahren Versprechungen, kurz gegen Diebe und Einbrecher, schützen. Klare Werte sind eine Schranke, die prüft, wen wir in unser Herz einlassen. Wir kehren nicht bei jeder Gelegenheit unser Wertvollstes ungeschützt nach außen, sondern prüfen, ob jemand „es wert ist“, dass man ihm oder ihr vertraut. Der Einladung des Sommers zur Liebe und zum Austausch kann man also unbeschwert folgen, wenn die eigenen Werte klar sind.

Die Gefahr betrogen, belogen oder ausgenutzt zu werden, besteht dann, wenn sich das Herz verzweifelt im Mangel wähnt. Dann haben Eindringlinge, die unter falschen Versprechungen an unser Kostbarstes kommen wollen, leichtes Spiel, und am Ende bleibt ein „gebrochenes Herz“.

Wir lieben den Austausch von Herzenergie. Für Menschen ist zu lieben und geliebt zu werden das Größte und Schönste überhaupt. Die Krönung dieser Energie ist der Austausch in sexueller Vereinigung. Die Energie ist umso stärker, je offener die Herzen bei dieser Begegnung sind. Sex mit geschlossenem Herzen ist Sport, nicht Liebe.

Ich schreibe dies, weil ich immer wieder mit Menschen spreche, deren Herz gebrochen wurde. Ich weise dann darauf hin, dass sie selbst es waren, die den Dieb eingelassen haben. Der große Wunsch nach liebevollem Austausch verleitet uns manchmal, uns Menschen vorschnell zu öffnen, ohne zu prüfen, was sie sich von der Begegnung erhoffen. Die Sehnsucht wirkt wie eine rosarote Brille. Nichts gegen Vertrauensvorschuss, aber wenn dieser uns blind macht für das Offensichtliche, werden wir Schmerzen leiden. Wir hören nicht auf unser Herz und halten unsere eigenen Werte nicht hoch. Die Schranke funktioniert dann nicht. Wenn man sich z.B. eine andauernde, monogame Beziehung wünscht, aber sich dennoch immer wieder auf schnelle One-Night-Stands einlässt, mit Partnern, die offen die Polyamorie preisen, in der Hoffnung, diese würden sich von heute auf morgen ändern, stresst man sein Herz. Im Kerzenlicht der sexuellen Verführung wollte der Eine den schnellen Genuss, während der Andere große Hoffnungen in die Begegnung legte. Es ist klar, wer den Kürzeren zieht. Ich will die beiden Motive nicht gegeneinander abwägen, doch ich will dazu einladen, die Motive vorher abzugleichen und zu prüfen, ob man dasselbe möchte – statt hinterher.

Deshalb rate ich häufiger dazu mit einer neuen Bekanntschaft lieber noch drei Mal mehr nachmittags Tee trinken zu gehen und sich besser kennenzulernen, bevor man sich kopfüber in eine heiße Affäre stürzt, aus der Einer vergnügt und leichtfüßig davon hüpft und der Andere traurig hinterherschaut. Schlimmstenfalls sind beide enttäuscht. Der Preis den man unter Umständen bezahlt, nämlich ein für lange Zeit verschlossenes Herz, ist am Ende zu hoch.

Deshalb immer wieder die Aufforderung, sich der eigenen Werte bewusst zu werden, und diese ganz klar zu kommunizieren. Werte zu haben und zu schützen ist eine Form der Selbstachtung, die dafür sorgt, dass wir denen begegnen, die uns gemäß sind und jene abweisen, die uns nicht achten. Es ist in Ordnung und sogar notwendig, alle klar und bestimmt abzuweisen, die unseren Werten nicht entsprechen und die auch nicht zeigen, dass sie behutsam mit unserem Wertvollsten umzugehen gedenken.

Der Sommer lädt dazu ein, sich in die ganze Welt zu verlieben, indem wir uns mit dem Schönsten bereichern, was unser Herz zum Hüpfen bringt. Gleichzeitig empfinden wir stark, wenn wir unser Herz öffnen, was uns wirklich gut tut und was wir hoch schätzen, im Unterschied zu was uns zuwider ist und uns verletzt. Auf der Grundlage der Erfahrungen im Sommer werden wir im Herbst erneut unsere Werte auf den Prüfstand stellen und sie gegebenenfalls anpassen. Wir werden dann, wie bei Früchten, die Guten ernten und behalten und die Schlechten aussortieren.

Beobachten Sie genau, welches Verhalten Ihrer Mitmenschen Sie verletzt oder beglückt – und hören Sie auf Ihr Herz! Beide Erfahrungen, Glück und Schmerz, sind gut, denn an ihnen erkennen Sie Ihre Werte und können künftig besser auswählen, was wirklich gut tut. Respektieren Sie die Regungen Ihres Herzens, indem Sie es aufgrund der Erfahrungen schützen und sich dort öffnen, wo sie nicht verletzt zu werden. So wie wir keine Diebe in unsere Wohnung lassen, sollten wir uns auch nicht für Herzdiebe leichtfertig öffnen. Das Hirn ist ein Meister im Rationalisieren, doch wenn es um Werte geht, muss das Herz der Boss sein. Der Job des rationalen Denkens ist es nicht, Schmerzen wegzurationalisieren, sondern ein nützliches Werkzeug zu sein, das uns z.B. dabei hilft, den Weg in den schönsten Garten zu finden, nachdem das Herz beschlossen hat, dass es genau dorthin will.

Die Gefahr manipuliert zu werden, ist in der Konsumgesellschaft groß. Überall locken Versprechungen und bunte Bilder. Laute Werbebotschaften übertönen unsere innere Stimme. Viele Menschen wissen schon gar nicht mehr, was im Leben höhere Bedeutung hat. Ist es das iPhone 7+ oder doch der Nachmittag mit dem eigenen Kind? Wir werden abgelenkt und betäubt und immer wieder enttäuscht und überfahren. Ausgehungert auf der Suche nach etwas, das uns tief im Innern bedeutungsvoll befriedigt, öffnen wir uns der nächsten (leeren) Versprechung: Schnelle Befriedigung, schneller Genuss, schneller Drogenrausch, schneller Sex… Am nächsten Tag fühlen wir uns mal wieder leer und betrogen; vom Leben gefressen, zerkaut und ausgespuckt.

Der Schmerz ist umso größer, wenn wir uns eingestehen müssen, dass wir selbst es waren, die das zugelassen haben. Es kommt der Tag an dem eine Häufung schwerer Enttäuschungen und Verletzungen das Herz für lange Zeit verschließt und es sich verhärtet. Die Einsamkeit, die dann folgt, ist wieder schlimm. Auch in bestehenden Beziehungen ist es deshalb nur gesund, die eigenen Schranken aus Respekt vor sich selbst intakt zu halten. Menschen sind verschieden und haben unterschiedliche Werte. Das gilt auch für unsere Freunde. Es wird uns auf Dauer nicht nützen, nach fremden Regeln zu leben und dabei unglücklich zu werden. Auch gegenüber alten Weggefährten muss man manchmal sagen: Stop! So nicht! Nicht mit mir!

Es ist schwierig, auf das Herz zu hören und die Selbstachtung zu halten, wenn ein Gefühl von Einsamkeit dominiert. Erfahrungsgemäß sind jedoch auf lange Sicht die Begegnungen befriedigender und bedeutungsvoller, wenn man seine Werte kennt und schützt. Gerade auf sexueller Ebene sind die Verletzungen am größten, wenn Vertrauen mißbraucht wurde, oder die eigene Würde verletzt wurde. Echte Liebe fängt beim eigenen Herzen an! Spüren sie jetzt genau hin, wann sie von Begeisterung getragen sind und was Ihr Herz zum Singen bringt! Das sind die Dinge, die Ihnen lieb und teuer sind. Was Ihren Wertmaßstäben nicht gerecht wird, bleibt draußen.

Sorgen Sie also selbst für einen schönen Sommer mit vielen genussvollen Augenblicken und herzerfreuendem Austausch!

 

Herzlichen Dank an Peter Fischer vom Feng-Shui-Center in Berlin für die anregenden Gespräche zu diesem Thema.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.