Was bedeutet uns der Frühling?

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Lesedauer 6 Minuten

In diesem Jahr beginnt der Frühling nach dem chinesischen Sonnenkalender am 4. Februar. Warum sollte uns Europäern das etwas bedeuten, was weit weg in China vor langer Zeit „erfunden“ wurde? Die Antwort ist simpel: Der chinesische Kalender richtet sich nach der daoistischen Methode, aus Naturbeobachtungen Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen. Daher ist das Wissen über die Qualität der Jahreszeiten überall dort nützlich, wo es vier Jahreszeiten gibt. Ich werde im Verlauf nicht mit den daoistischen Begriffen hantieren, sondern in unseren Worten erklären, wie wir die Energie des Frühlings auf geistiger Ebene verstehen und nutzen können.

Aus einem kurzen Überblick über den Kreislauf, den die Natur jedes Jahr wiederholt, wird klar, dass die Natur nachhaltig mit den vorhandenen Ressourcen wirtschaftet, und eine so atemberaubende Fülle produziert, dass man den Prozess kaum mit irgendeinem Menschenwerk vergleichen kann. Während wir Rohstoffe verwenden und verschwenden, ohne sie zu ersetzen, mit geringer Effizienz, und als gäbe es kein Morgen, entstehen aus einem Samenkorn wieder unzählige neue Samen. Aus den Samen nur eines Apfels können eine Fülle von neuen Früchten entstehen. Nicht jeder schafft es, ein Baum zu werden, doch der grundlegende Plan ist auf das Erschaffen von Großem angelegt. Man könnte sagen, die Natur weiß erstens was sie tut, und zweitens hat sie für den großen Plan auch die nötige Kraft. Das Verhältnis zwischen Aufwand und Resultat kann man nur bestaunen.

Und was macht der Mensch? Wir strampeln uns das ganze Jahr über ab, um gleichbleibende Intensität bemüht. Oft wissen wir nicht wo es überhaupt langgeht, aber das Hauptsache schnell. Wir verschwenden Gedanken und Taten zur Unzeit auf Alles und Nichts, kaufen unnützes Zeug, um kurzfristig glücklich zu sein, und verschwenden bei alledem unser größtes Kapital: unsere Lebenszeit. Hoffen, fürchten und bedauern ohne Pause, anstatt innezuhalten und der Reihe nach zu tun, was JETZT dran ist, um langfristig zu den Ergebnissen zu gelangen, die wir uns sehnlichst wünschen. Sie verstehen, ich karikiere.

Da wir die Jahreszeiten sowieso wahrnehmen, möchte ich mit Ihnen teilen, was ich in Gesprächen mit dem Experten für Daoismus, Peter Fischer, über die geistige Energie des Frühlings erfahren habe.

Wie ist die Rolle des Frühlings zu verstehen?

Der Frühling ist eingebettet zwischen Winter und Sommer. Aus daoistischer Sicht beginnt diese Periode in den ersten Tagen des Februar und geht bis in die ersten Maitage. Die genauen Daten sind jedes Jahr unwesentlich unterschiedlich. Weil ein kraftvoller Frühling einen starken Vorläufer braucht, ein kurzer Blick zurück: Im Winter herrscht Ruhe und Dunkelheit. Die Resultate der Arbeit des ganzen Jahres sind eingebracht und in den Wintermonaten sickern die Erfahrungen tief in unser Wesen ein. Daraus entsteht eine sichere Intuition und ein Vertrauen darum, wer wir sind und was uns ausmacht. Aus dieser Kraft formt sich eine Klarheit, die unserem Leben Sinn und Richtung geben wird. Es ist aus dieser Ruhe heraus ebenfalls Überschuss entstanden, der jetzt auf die zunehmende Sonnennergie trifft. Damit wir uns später, im Sommer, an der Verwirklichung unserer Herzenswünsche erfreuen können, ist der Frühling die Zeit der Vorbereitung, der konkreten Planung und dem Entwerfen von Strategien in die Richtung, in die wir im Leben als Nächstes gehen wollen.

Wer hat schon einmal ein Fest organisiert? Und wer hat dabei die Erfahrung gemacht, dass alles vor allem dann ganz mühelos aussieht, wenn man sich mit der Vorbereitung so richtig viel Mühe gemacht hat? Genau so kann man sich die Energie des Frühlings vorstellen: Je besser wir das Fest für diesen Sommer planen (das Fest = stellvertretend für alles, was unser Herz zum Singen bringt), desto schöner, reicher und freudvoller wird es werden.

Schneeglöckchen
Schneeglöckchen am 3. Februar · Foto: Anselm Jancke

Im Februar schießt die Energie los: Es ist die Zeit für konkrete Planung und Strategiebildung. Je weiter man schauen kann, je mehr Eventualitäten man bedenken kann, desto besser wird man für alle Fälle gewappnet sein. Wir betrachten das gesamte Gebiet, scannen die Locations und überdenken die Gästeliste. Welche Musik soll spielen? Welche Speisen werden serviert? Wer sitzt wo? Wer macht die Dekoration? Wer besorgt die Einkäufe? Wer streichelt den Hund während des Feuerwerks? Was auch immer man sich im Voraus ausdenken kann. Fakt: Wenn man etwas bedacht, organisiert und tatsächlich besorgt hat, wird sich dies mit höherer Wahrscheinlichkeit ereignen, als wenn man sich nur mit den besten, frommen Wünschen bewaffnet spontan ins Vergnügen stürzt, und dann allein mit einer spontan besorgten Dose Bier auf der leeren Wiese endet. Was auch immer wir uns für dieses Jahr vornehmen möchten, jetzt ist die Zeit, es im Detail zu planen.

Was geschieht wenn wir die Zeit nicht für Planung und Strategiebildung nutzen?

Ist derjenige, der mit vielen Freunden ein rauschendes Fest vorbereitet hat, und es dann auch tatsächlich feiert, einfach ein vom Glück begünstigter, der es einfach zufällig immer gut trifft? Ist ein anderer, der sich damit bescheiden muss, dass nur Hase und Igel seiner (nicht geschriebenen und nicht verschickten) Einladung gefolgt sind, ein Pechvogel, an dem sich die Welt regelmäßig und vollkommen ungerechterweise verbricht? Der Frühling kommt auf jeden Fall, und jeder wird ihn genießen dürfen, doch nicht jeder nutzt die Qualität der Zeit.

Wenn wir unserer Richtung im Leben sicher sind, aber die Phase akribischer Planung und Vorbereitung für die nächsten Schritte auslassen, und infolgedessen nie zur Umsetzung aufbrechen, passiert auf jeden Fall auch irgendetwas. Wahrscheinlich geschieht, was andere um uns herum sich ausgedacht haben. Wer selbst keinen Plan hat, und die Welt nicht in seinem Sinn beeinflusst, wird sich um die Vorhaben und Vorgaben der Welt, geschmeidig machen müssen. Wer in den Sommermonaten Geburtstag hat, kennt das. Alle sind schon verplant und weit weg im Urlaub. Die spontane Grillparty findet zu zweit statt, oder fällt gleich aus. Kurzum: es geschieht nicht, was man sich von Herzen gewünscht hat, sondern irgendetwas anderes. Außer in dem einen Jahr, als man ein Partyschiff mietete, und ausnahmsweise schon im März die Einladungskarten (mit goldener Tinte!) verschickte – und die Red Hot Chili Peppers engagierte. Unvergesslich der Moment als alle Gäste – zu so einer fantastisch organisierten Party kamen auch alle Geladenen! – gleichzeitig die Glückskekse öffneten, während gleichzeitig die Sonne im Meer versank und der Vollmond über den Berg aufging – auf die Minute genau. Unvergesslich, großes Kino, große Freude – und alles andere als zufällig.

Man kann spontan den Marsch zum nächsten Gipfel antreten, und hoffen, es ist der richtige Weg; hoffen, dass man aus Versehen die richtigen Kleider anhat; hoffen, dass es nicht regnet; hoffen, dass sich schon zufällig hier und da jemand einfinden wird, der einem hilft oder zu essen gibt, usw. Jeder Weg ist mit Hindernissen gespickt. Wer auf eine wichtige Expedition geht, rüstet sich lange vorher aus. Wer nicht gut genug vorbereitet ist, und eben „keinen Plan hat“, erschöpft vielleicht seine Schutzengel und kommt trotzdem nicht an.

Erst viel später wird man an den Ergebnissen im Sommer, an der Zahl und Qualität der Früchte zur Erntezeit, ablesen können, wie gut die Vorbereitungen waren. Der Frühling hat die richtige Stimmung, in der man sein Bestes in den Start geben kann: weit schauen, das Feld abstecken, den Weg planen, alle Eventualitäten überdenken, alternative Routen planen, alles besorgen und los!

Wenn die gedankliche Vorbereitung abgeschlossen ist, steht der März für den Aufbruch. Alles kommt in Bewegung. Eine Phase auszulassen, bedeutet, dass dieser Teil später fehlen wird. Wer im Winter nicht geruht hat, und im Frühling dennoch die Unruhe und Aufbruchsstimmung spürt, wird schnell ermüden. Vielen sehen die Bikinisaison im Mai kommen – Licht und Wärme locken – man spürt die aufschießenden Säfte und treibt sich zum Sport an, ohne Kraft angesammelt zu haben. Das sind die Momente, in denen müde Bänder reißen, Gelenke umknicken, oder schlicht die Frühlingsmüdigkeit einen übermannt, weil keine Essenz da ist, aus der man jetzt zehren könnte. Da man den Winter nicht mehr nachholen kann, ist es besser, diesen Umstand anzuerkennen und mit weniger Enthusiasmus zu starten. Lassen Sie es einfach ruhiger angehen, und nehmen sich vor, im nächsten Winter wirklich auszuruhen. Für alle, die Kraft gesammelt haben, geht’s jetzt los! Man hat einen To-do-Liste, und macht sich an die Arbeit. Die Bewegung ist voller Tatendrang und Aufbruchsstimmung. Um es mit den martialischen Worten des alten China zu sagen: Die Truppen erhalten im März den Marschbefehl! Die Welt sieht und erfährt, dass sich von nun an gewaltig etwas tut.

Die letzten 18 Tage dieser Periode im April bezeichnen eine Stabilisierung der Aufbruchsphase. Es ist die Gewissheit, dass alles auf den Weg gekommen ist. Man steckt mitten in der Arbeit und erschafft sein Werk. In der Natur haben die Pflanzen jetzt Milliarden von Knospen gebildet und nichts wird sie jetzt mehr daran hindern, die Welt mit ihrer Blütenpracht zu überziehen.

Ein bisschen Anfang ist immer irgendwo, doch nur im Frühling ist der Frühling ganz groß

Nicht für jedes Vorhaben kann man die Planung in die Frühlingszeit legen. Wir beginnen ständig Dinge und schließen sie ab, ohne uns auf die Jahreszeiten zu beziehen. Jedes Ziel, von dem man möchte, dass es gelingt, hat eine Planungsphase. Das Leben ist voller solcher kleinen Zyklen. Zum Einen hilft uns diese Beschreibung des Frühlings zu verstehen, wie wichtig eine weit vorausschauende, möglichst kluge und umfassende Vorbereitung ist, zum Anderen ist es schon so, dass wir den Frühling auch direkt nutzen können, wenn es um unsere generelle Lebensausrichtung geht.

Probieren Sie es aus! Machen Sie sich jetzt Gedanken darüber, wie Sie ihre Herzenswünsche in diesem Jahr ein Stück weiter auf die Welt bringen. Was auch immer es ist, die Welt wird sich über Ihren Beitrag freuen! Viel Freude bei der Planung und Vorbereitung!

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Mein herzlicher Dank für die ausführlichen Gespräche zu diesem Thema geht an Peter Fischer, dem Gründer des Feng Shui Center in Berlin. Mehr über Daoismus, Feng Shui, Bazi Suanming und die Arbeit von Peter Fischer erfahren Sie unter www.feng-shui-center-berlin.de

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