Die Qualität der Jahreszeiten wahrnehmen und nutzen

Maria Gouveli · Visual Art
©Maria Gouveli · www.mariagouveli.com

Lesedauer: 6 Minuten

Einerseits ist jeder Mensch in einem sehr großen Ausmaß frei, in einem Ausmaß sogar, das viele gar nicht realisieren, andererseits sind wir schlicht Teil eines Ganzen und jeder ist vor allem frei in seiner Bahn. Das Wissen um die Qualität der Zeit, des Ortes und der vorherrschenden Dynamik ist daher keine Beschränkung, sondern praktisch nützlich, um mit den wirkenden Kräften zu gehen, statt gegen sie.

Neugierig, ließ ich mir vor längerer Zeit ein chinesisches Geburtshoroskop nach der Bazi Suanming Methode erstellen. Zu einer Fülle persönlicher Informationen, erhielt ich dabei auch Einblick in das Lehrgebäude des Daoismus und in das Wissen über die Jahreszeiten. Das Gehörte fügte sich nahtlos in eigene Erfahrungen. Zum Beispiel beobachte ich seit Jahren, dass wir zwar Anfang Januar den Beginn des Neuen Jahres feiern, aber Silvester in meinem inneren Erleben keinen Anfang darstellt. Um diese Zeit regt sich bei mir nichts. Draußen ist es kalt, dunkel und auf eine Art totenstill. Der ewige Trubel Berlins hat darauf nur oberflächlich Einfluss. Ein Gefühl von Aufbruch und Neubeginn ist regelmäßig Anfang Februar spürbar. Und das, obwohl es dann noch immer kalt und dunkel ist – doch etwas ändert sich zu der Zeit. Immer. Irgendwann bemerkte ich, dass sich meine Wahrnehmung dieser gefühlten Aufbruchstimmung mit dem chinesischen Jahresanfang deckt. Wieder später erfuhr ich, dass diese Tage nach daoistischer Rechnung den astronomischen Frühlingsbeginn markieren.

Der Daoismus ist, neben dem Buddhismus und dem Konfuzianismus, eine der drei großen philosophischen Strömungen Chinas, aus dem die chinesische Medizin, das Feng-Shui, die chinesische Astrologie und noch weitere Anwendungsgebiete entstanden sind. Der Daoist beobachtet präzise alle Phänomene und leitet daraus empirisch sein Wissen ab.

Bei uns in Europa gibt es auch viel tradiertes Wissen über die Jahreszeiten, aber davon lässt sich der gemeine Städter nur noch wenig beeindrucken. Wir haben den Anspruch immer aktiv zu sein, und auch immer in der gleichen Weise produktiv zu sein. Ein paar Tage oder Wochen Urlaub zwischendurch, wenn es die Arbeit erlaubt, müssen reichen.

Das Ergebnis sind erschöpfte Menschen und auf unterschiedliche Weise rebellierende Menschen. Krankheiten, Sinnverlust, Depressionen und viele andere Störungen sind ein Zeichen dafür, dass wir kein System haben, in dem wir mit unserer eigenen Kraft nachhaltig umgehen. Hier bietet das Dao einen wunderbaren Rahmen, den jeder Mensch mit seinem ihm eigenen Ausdruck und seiner einzigartigen Persönlichkeit füllen kann.

Jede Jahreszeit hat eine eigene Energie, die wir äußerlich gut kennen. Meine Beobachtung ist, dass es für viele Menschen schwierig ist, auf die eigene Stimme zu hören und ihren Bedürfnissen nachzugehen. Wer jedoch keine Kraft sammelt, wenn er müde ist, hat keine, wenn es später ans Handeln geht. Wer sich nicht über Sinn und Ziel besinnt, weiß trotz vielleicht überschießender Kräfte nicht wohin damit. Alles hat seine Zeit und alles braucht seine Zeit. Im Zyklus der Jahreszeiten ist jede Phase repräsentiert.

Auch der daoistische Weg teilt das Jahr grob in vier Jahreszeiten, wobei eine feinere Untergliederung möglich ist, aber für einen kurzen Überblick soll dies genügen. Sie werden bemerken, dass die Zeiten sich auch nicht genau mit unserem Kalender decken.

Der Frühling – Februar, März, April

Der Frühling beginnt nach dem chinesischen Sonnenkalender bereits in den ersten Februartagen (nicht genau am Ersten) und geht bis in die ersten Maitage. Zu diesem frühen Zeitpunkt ist in der Natur eine aufsteigende Bewegung zu beobachten. Die Pflanzen ziehen die Säfte wieder in den Stamm und im Menschen erwachen spürbar die sogenannten „Holzpulse“. Diese Zeit ist geprägt von hoher Aktivität. Die Ruhe des Winters ist zu Ende und vor einem tut sich der weite Raum der neuen Möglichkeiten auf. Die aufstrebende Energie enthält die Kraft und die Information für das volle Wachstum. Noch ist zwar an der Oberfläche nichts zu sehen, doch im Unsichtbaren herrscht schon viel Aktivität. 

In der Ruhe des Winters haben wir Weisheit und Erfahrung angesammelt und damit das Potential für den Neuanfang im Frühling gebildet. Ab Februar wird es konkret. In dieser Aufbruchstimmung werden Visionen entworfen, die uns unseren Herzenswünschen näher bringen sollen. Einige Wochen vergehen, in denen Informationen gesammelt, konkrete Strategien gebildet und alles bis ins Detail geplant wird. So wie im März plötzlich Milliarden von Knospen und Triebe sichtbar werden, manifestieren wir in der Zeit unsere Vorhaben. Wir haben entschieden, in welche Richtung es in diesem Jahr gehen soll, haben alles genau geplant und gehen nun mit voller Kraft voran.

Geistig und körperlich ist das Frühjahr die Zeit des Neubeginns und Aufbruchs. Man will raus und sich wieder mehr bewegen, an die frische Luft und an die Sonne. Man will jetzt los! Die Richtung hängt eng zusammen mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, die im vergangenen Jahr gesammelt und ausgewertet wurden. Die Klarheit, zu der wir in der Ruhe der Wintermonate gelangt sind, leitet jetzt unsere neuen Vorhaben. Wurde der Winter nicht für Einsicht und Sammlung genutzt, fehlt im Frühjahr erstens die Kraft und zweitens die Erkenntnis. Weder hat man dann den Drive, noch weiß man wohin.  (Einen Sonderbeitrag zum Frühling finden Sie hier.)

Der Sommer – Mai, Juni, Juli

Die Sommermonate Mai, Juni und Juli sind voller Licht und Lebenskraft. Wir waren im Frühling aktiv und haben unsere Vorhaben auf den Weg gebracht. Nun zeigen wir der Welt unsere verwirklichten Ideen, so wie die Natur ihre Blüten in voller Pracht und Üppe zeigt. Es ist die Zeit des Herzens, und wir sind von Begeisterung für unsere Vorhaben getragen. Wir spüren, wen und was wir lieben und was uns wertvoll ist. Wir empfinden tief, was wir mögen und nicht mögen, und wofür unser Herz schlägt – und bilden dabei unser Wertesystem. Das Herz ist der Sitz des Bewusstseins, unser Kostbarstes; der Sitz unserer Werte, unserer Begeisterung und unserer Liebe. Mit der Öffnung des Herzens, indem wir lieben und genießen, sind wir offen für alle Freuden des Lebens, und diese Offenheit macht uns verletzlich. Nur wer klare Werte hat, erkennt, wenn sich Räuber nähern, die einem nur das „Herz stehlen“ oder es verletzen könnten. In der Wärme des Sommers entwickelt sich die Blütenpracht zur Reife und wir ernten in der Zeit bis Anfang August süße, saftige Früchte. Jetzt gibt uns die Welt Rückmeldung und Belohnung für das, was wir ausgesät haben.

Herbst – August, September, Oktober

Die Energie des Herbstes ist an die Ernte angeschlossen. Die reifen Früchte werden jetzt begutachtet, Vorgehensweise und Resultate werden ausgewertet. Die dominierende Energie ist von ganz anderer Natur als im Sommer. Eine unterscheidende, abtrennende, schneidende Wahrnehmung tritt in den Vordergrund. Nicht mehr die alles verbindende Herzensenergie des Sommers, sondern ein klares, analytisches Denken dominiert. Die Zeit des Qualitätsmanagements ist gekommen. Dazu braucht es den kritischen Verstand, befreit von Sentimentalität. Wir grenzen uns ab von dem, was wir als nicht wertvoll und unbrauchbar erachten. Das Wertvolle und Schöne behalten wir, das Kostbare bewahren wir gut auf. Der Verstand dient uns, kluge Schlüsse zu ziehen und ermöglicht, wo nötig unser Verhalten drastisch zu ändern. Es ist eine Zeit der Trennung und des Trennens. Wer nichts wegwerfen will, und sich mit Trennung und Verlust nicht abfinden möchte, sondern wahllos an Allem festhält, der erlebt nicht nur stark die Angst vor dem Verlust, ihm verderben die faulen Früchte später womöglich noch die guten Vorräte.

Winter – November, Dezember, Januar

Der Winter kann für uns eher rationale Westler als mysteriöse Zeit beschrieben werden. Mir scheint, dass wir vor allem die Energie des Winters mißachten und seine Wirkung deshalb im Verlauf des Jahres sehr vermissen. Es ist die Zeit der Stille und einer längeren Einkehr. In dieser Zeit verarbeiten wir die Erfahrungen des Jahres und integrieren sie in unser ganzes Wesen. Nicht mehr die analytische Auswertung vom Herbst steht im Vordergrund, sondern ein Einsickernlassen von Erfahrungen, ihre Verwandlung zu Weisheit, das tiefe Einweben des Gelernten in unsere Persönlichkeit. Positiv gelebt, ziehen wir uns zurück. Während draußen Dunkelheit, Schnee und Kälte herrschen, verkriechen wir uns möglichst in der warmen Höhle, schlürfen im Kerzenschein heiße Schokolade, ziehen die Füße hoch aufs Sofa und kuscheln uns ein. Familienmitglieder oder enge Vertraute sind manchmal anwesend, ansonsten genießt man das Alleinsein oder hält, je nachdem, die Einsamkeit aus.


In dieser Zeit sind wir nicht aktiv. Wir fangen nichts Neues an und rennen nicht in der Gegend herum. Wenn wir gefühlt Nichts tun, machen wir alles richtig. Wir betrachten unser Innenleben, unsere Geschichten, unsere Ängste und unsere inneren Dämonen; Angst, Zweifel oder Einsamkeit halten wir aus. Bei der Bewältigung hilft es, wenn wir uns mit den Qualitäten unserer Familie verbinden, und die Kraft, die in unseren Wurzeln liegt erkennen. Im Kreis der Familie Geschichten zu hören oder zu erzählen, zu erfahren wie Opa, Oma, die Urgroßeltern ihr Leben gelebt haben, zu überdenken, was warum und wie geschah, verbindet uns tief mit einem Wissen darüber, wer wir sind. Die Daoisten nennen es die Essenzbildung. Wenn wir Klarheit über unsere Essenz haben, wissen wir, wer wir sind und was wir im nächsten Frühjahr angehen möchten. Dieses Wissen wird uns in Zukunft intuitiv leiten. Wenn wir dieser Qualität in unserem Leben keinen Raum lassen, sondern ohne Pause im Winter weiter aktiv sind, sammelt sich keine Kraft und keine Weisheit, und wir stehen im Frühling orientierungslos und erschöpft da. Wenn wir hingegen „die Arbeit“ getan haben, also geruht haben, gehen wir mit tiefem Vertrauen, dass das Leben uns trägt, im Frühling den nächsten Schritt.

_

In dieser Weise bietet das Jahr Platz für eine riesige Fülle aller menschlichen Erfahrungen, alles hat Raum und Zeit: Sturm und Drang, nach den Sternen greifen, Freude erleben, Feste feiern und lieben, Kreativität und Verwirklichung, Trennung und Abschied, Herz und Verstand, Weisheit und Sammlung. Ist das nicht wunderbar?

Verständlich, dass man sich zunächst denkt, „Ich kann das gar nicht alles so leben. Ich habe Verpflichtungen, die ich nicht vernachlässigen kann und muss funktionieren. Ich kann nicht monatelang nichts tun.“ Es geht jedoch nicht vorrangig darum, irgendwelche strikten Regeln abzuleiten, es geht um die Wertschätzung dieser geistigen Zustände. Denn, wenn wir den Sinn in allen unseren Regungen sehen, sie richtig einordnen und sogar positiv nutzbar machen, schließt sich ein Energiekreislauf. So wie die Natur nachhaltig wirtschaftet, sollten auch wir lernen, mit unseren Kräften zu haushalten. Der Jahreslauf eignet sich gut als ordnender Rahmen, an dem wir uns orientieren, und dessen Kräfte wir zur Verfügung haben.

Mein herzlicher Dank für die ausführlichen Gespräche zu diesem Thema geht an Peter Fischer, dem Gründer des Feng Shui Center in Berlin. Mehr über Daoismus, Feng Shui, Bazi Suanming und die Arbeit von Peter Fischer erfahren Sie unter www.feng-shui-center-berlin.de

Share on FacebookShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.